Kleine Materialkunde 
 
Einführung
Spielzeug muss alle europäischen Normen erfüllen. Dennoch: Die Beachtung von grundsätzlichen Aspekten hilft beim Spielzeugkauf. Neben dem Alter des Kindes und der Verarbeitungsqualität spielen auch die verwendeten Materialien eine wichtige Rolle.  
 
Spielzeug war immer Kind seiner Zeit und in Form und Funktion Ausdruck der jeweiligen Gesellschaft. Ein gutes Beispiel liefert die Puppe, die für die emotionale Entwicklung von Kindern in allen Epochen eine wichtige, wenn auch unterschiedliche pädagogische Funktion erfüllte. Bis ins 18. Jahrhundert war Holz das dominierende Material für Spielpuppen; heute sind Kunststoff und Textilien die bevorzugten Materialien.
 
Ein ähnlicher Wandel vollzog sich auch in anderen Bereichen der Spielwarenproduktion. Blech löste um die Mitte des 19. Jahrhunderts die bis dahin gebräuchlichen Werkstoffe ab. Heute spielt Blechspielzeug nur noch eine unbedeutende Rolle. Ähnliches lässt sich für Holz sagen. Holzspielzeug erlebte zwar in den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Renaissance, seine einst herausgehobene Bedeutung erlangte es aber nicht mehr.
 
Der Wandel von Formen und Funktionen wirft nun die Frage auf, wie unbedenklich neue Materialien sind, welche Gefahren von ihnen ausgehen, ob unbehandelte Naturmaterialien womöglich besser sind und welches Spielzeug aus welchem Material für welches Kind am besten geeignet sind. Diese Fragen sind besonders für die ersten Lebensjahre von Bedeutung, in denen Kinder alles in den Mund nehmen. Nicht alles Spielzeug ist allerdings auch zum Lutschen und Nagen geeignet. Jedes Material verfügt über besondere Eigenschaften. Grundsätzlich gilt, dass Spielzeug immer aus dem Material hergestellt sein muss, das sich am besten für den Spielzweck eignet.

 
Holz
Holz ist ein lebendiges, warmes Naturmaterial mit angenehmen Oberflächeneigenschaften. Holzspielzeug spricht alle Sinne an, weshalb es als Basis-Spielzeug für Kinder in den ersten beiden Lebensjahren gelten kann. In der Regel wird Holzspielzeug aus Massivholz hergestellt, aber auch Sperr- und Schichtholz sowie MDF-Platten kommen zum Einsatz. Seit ein paar Jahren sind auch Holz-/Stoff-Mixturen auf dem Markt. Ferner experimentieren einige Hersteller mit Verbundstoffen und Bambus, einem schnell wachsenden Gras, das ähnliche Eigenschaften aufweist wie Holz. Da Holz ein natürlicher Werkstoff ist, spielen bei der Beurteilung von Spielzeug Bindemittel und Zusatzstoffe wie Holzschutzmittel, Kleber und Farben eine wichtige Rolle. In Deutschland wird kein Holz bei der Spielzeugproduktion verarbeitet, das Holzschutzmittel aufweist. Unbehandeltes Holz bietet intensivere Sinneserfahrungen als lackiertes, gewachstes, geöltes oder mit Kunststoff beschichtetes Holzspielzeug, wird aber schneller fleckig. Der Schmutz setzt sich leichter in den Poren fest. Eine Gefahr geht davon nicht aus, da Holz mikrobiologisch besser ist als etwa Kunststoff. Unbehandeltes, schmutziges Holzspielzeug ist eher ein ästhetisches Problem. Wichtig bei Holzspielzeug ist die Verarbeitung. Weist das Produkte scharfe Ecken und Kanten auf, an denen sich ein Kind verletzen könnte? Wie ist die Oberflächenbeschaffenheit (rau oder glatt)? Stammt es aus nachhaltiger Fortwirtschaft (FSC oder PEFC) und welche Lacke (wasserlöslich, lösemittelfreie) wurden verwendet?


Kunststoff
Kunststoffe bilden seit den fünfziger Jahren die Basis für die Spielzeugproduktion. Vor allem zwei Aspekte sprechen für den Werkstoff. Kunststoffe sind Thermoplaste, die sich unter Wärme und Druck beliebig verformen lassen. Kunststoffen verdanken wir viele Spielzeugklassiker. Zum anderen lässt sich Kunststoff aufgrund seiner Oberfläche sehr leicht reinigen. Für die Spielzeugherstellung werden sehr unterschiedliche Kunststoffe verwendet. Polyethylen und Polypropylen kommen bei einfachem Spielzeug zum Einsatz, etwa Spielzeug für den Sandkasten; ABS ist erste Wahl für Konstruktionsspielzeug. Alle Kunststoffe weisen unterschiedliche Eigenschaften auf, weshalb ihnen sogenannte Additive hinzugefügt werden, um sie für den Spielzweck überhaupt tauglich zu machen. Unter Additive fallen zum Beispiel Weichmacher. Gefährliche Weichmacher sind nach der EU-Chemikalienverordnung REACH verboten, die Hersteller oder Importeure zur Ermittlung der gefährlichen Eigenschaften von Stoffen verpflichtet. Aber auch Stabilisatoren (Verbesserung der mechanischen Eigenschaften), Konservierungsstoffe (z.B. bei Fingermalfarben) und Flammhemmer zählen zu den Zusatzstoffen. In der Regel stellen alle Kunststoffe und Additive keine gesundheitsbedenklichen Gefahren dar. Etwaige chemische Mängel lassen sich allerdings nicht erkennen, produktionsbedingte hingegen schon (scharfe Grate, die beim Spritzen entstehen). Immer wieder kommt es allerdings vor, dass Spielzeug buchstäblich „zum Himmel stinkt.“ In diesem Fall sollte das Spielzeug reklamiert oder ausreichend im Freien ausgelüftet werden.


Farben & Lacke
Spielzeugfarben sollen lichtecht, robust und langlebig sein, aber in der Regel auch die Struktur des Materials belassen. Prinzipiell ist Farbe bei Holzspielzeug nicht nötig. Farben haben aber eine stimulierende Wirkung auf die Sinne von Kindern. Sie betonen Funktionen oder bringen sie manchmal erst hervor. Farbe fördert zudem die Kreativität. Kindgemäße Farbgestaltung sollte darauf achten, dass der Charakter des Holzes erhalten und für das Kind greifbar bleibt. Farben haben allerdings auch eine große gesundheitliche Bedeutung für kleine Kinder mit ihrem Hang, alles in den Mund zu nehmen. Qualitätsanbieter von Holzspielzeug verwenden seit Jahren deshalb ungiftige Wasserlacke. Sollte sich bei einem mit Wasserlack behandelten Holzspielzeug die Farbe durch intensiven Gebrauch lösen, besteht kein Grund zur Sorge. Die Speichel- und Schweißechtheit, die der Gesetzgeber verlangt, ist auch hier gegeben. Sie besagt, dass Farben bestimmte Grenzwerte von Schadstoffen nicht überschreiten dürfen und nicht, dass die Farbe für die Ewigkeit gemacht sein muss.


Textilien
Textilien gewannen in den letzten beiden Jahrzehnten einer immer größeren Stellenwert, nicht nur bei Faschings- und Halloween-Kostümen. Vor allem bei Kleinkindspielzeug kombinieren Hersteller gerne Holz mit Stoffen, um die haptischen und spielerischen Möglichkeiten zu erweitern. Dabei kommen neben Naturfasern auch Mischgewebe zum Einsatz. Das stellt besondere Anforderungen an die Entflammbarkeit. Sie wird von der EN 71 Teil 2 geregelt. Zudem gilt für textiles Spielzeug, dass keine optischen Aufheller oder Farbstoffe in den Mund übergehen dürfen – was generell für alle Spielzeuge gilt. Eine wichtige Orientierungshilfe für Babyprodukte und Bekleidung ist inzwischen das Label „Textiles Vertrauen - Schadstoffgeprüft nach Oeko-Tex®-Standard 100“, das für „humanökologisch unbedenkliche Textilprodukte“ vergeben wird. Zunehmend gewinnt aber auch der „Global Organic Textile Standard (GOTS)“ für Naturtextilien an Bedeutung. Daneben gibt es auch noch das Label Naturtextil BEST, das derzeit den höchsten Standard an textile Ökologie darstellt. Beide Standards gleichen sich in weiten Teilen. Die Naturfasern müssen zu 100 Prozent aus kontrolliert biologischem Anbau stammen, der Anbau, die Verarbeitung sowie den Transport und die Lagerung werden genau vorgeschrieben. Betriebe, die eine Zertifizierung anstreben, müssen zugleich Sozialstandards einhalten. Der Unterschied zwischen beiden Labeln ist, dass bei GOTS-Textilien noch bis zu 10% synthetische Fasern oder Viskose als auch mehr Farben verwendet werden dürfen. In allen Fällen sollte die Waschanleitung, die die EU-Sicherheitsnorm verlangt und jedem waschbaren Spielzeug beilegen muss, beachtet werden.


Metall
Metall-, vor allem nostalgische Blechspielzeuge sind heute fast nur noch Nischenprodukte für Liebhaber, auch wenn einige Hersteller nach wie vor Metallbaukästen (Eitech) oder nostalgisches Blechspielzeug (Schuco). Eine nennenswerte Bedeutung besitzt der Werkstoff Metall nur noch für Sammler von Modellautos aus Zinkdruckguss, sogenannte Diecast- oder Zamac-Modelle. Dabei handelt sich um eine Legierung aus etwa 99% Zink und 1% Aluminium. Berühmt geworden sind diese Metall-Modelle unter den Markennamen Matchbox und Wiking. In der klassischen Spielzeugproduktion findet man Diecast allerdings kaum noch, von wenigen Ausnahmen abgesehen (z.B. Siku Spielmodelle). Generell gilt für alle Metall-Werkstoffe, dass von ihnen kaum Risiken ausgehen. Bei Kinderfahrzeugen wie Gokarts, Scootern, Inlinern oder Lauflernräder kommt lediglich Stahl noch in nennenswertem Umfang zum Einsatz. Für die Lackierung gelten dieselben Anforderungen wie für Holzspielzeug. Beim Kauf von Kinderfahrzeugen ist deshalb vor allem auf die Qualität von besonders strapazierten Komponenten wie Kugellagern und Bremsen zu achten. Sicherheit geht vor Preis!